Neumann KMS 105 bk


Das Neumann KMS 105 ist eine Bühnenlegende: ein Kondensator-Gesangsmikrofon für die Hand, das man auf großen Bühnen genauso sieht wie bei manchem Podcast. Ich habe es ausführlich getestet und mit dem Røde M2, dem Shure SM58, dem Shure SM7B und sogar mit meinem Sennheiser MKH 8050 verglichen. Die große Frage war für mich, ob das Mikrofon seinen hohen Preis wirklich wert ist. Hier erfährst du, wie es klingt, wie gut es mit Griffgeräuschen und Plosivlauten umgeht und für wen es sich lohnt.

Technische Daten und Aufbau

Das KMS 105 BK, wobei BK für die schwarze Ausführung steht, ist ein Kondensatormikrofon mit XLR-Anschluss. Ohne 48 Volt Phantomspeisung funktioniert es also nicht. Ich habe es über ein XLR-Kabel direkt am Zoom F6 aufgenommen. Die Richtcharakteristik ist eine Superniere. Das Mikrofon nimmt sehr stark gerichtet nach vorn auf und an den Seiten verhältnismäßig wenig. Hinten ist es wieder ein ganz kleines bisschen empfindlicher, aber auch das funktioniert noch ziemlich gut. Dadurch blendet das KMS 105 Störgeräusche sehr gut aus.

Der Frequenzbereich reicht von 20 bis 20.000 Hz. Der Grenzschalldruckpegel liegt bei 150 dB und ist damit wirklich sehr hoch. Das Eigenrauschen von 18 dB(A) finde ich eher mittelmäßig. In dieser Preisklasse und sogar darunter gibt es Mikrofone mit weniger Eigenrauschen, aber bei einem Bühnenmikrofon kommt es darauf auch gar nicht so besonders an. Das Mikrofon wiegt 300 g.

Spannend ist der Gitter-Popfilter aus vier Lagen: das äußere, stabile Gitter, ein innenliegendes feineres Gitter, ein kleines, dünneres und herausnehmbares Netz und ein feines Gitter direkt auf der Kapsel. Neben der schwarzen Version gibt es eine baugleiche silberne. Das KMS 104 hat statt der Superniere eine Nierencharakteristik.

Lieferumfang und Verarbeitung

Im Lieferumfang sind eine Neoprentasche und eine Mikrofonhalterung mit Gewindeadapter. Das reicht für ein solches Mikrofon eigentlich auch aus, und die Tasche finde ich für den Transport gar nicht so schlecht.

Die Bauweise ist robust und einfach. Alles fühlt sich sehr hochwertig an, egal ob du die Gewinde aufschraubst oder das XLR-Kabel hinten einsteckst. Die Farbe ist ein schönes schwarzes Seidenmatt. Im Vergleich zum Shure, das noch matter ist, wirkt das Neumann für mich etwas edler, aber das ist Geschmackssache. Mit dem kleinen Clip ist es relativ kompakt und fällt im Bild nicht so auf. Im Video sieht es manchmal so aus, als zeige das Mikrofon auf meinen Hals statt auf meinen Mund. Das ist aber nur eine Täuschung durch den Kamerawinkel, tatsächlich zeigt es ziemlich gut auf den Mund. Als sinnvolles Zubehör nenne ich den Shure-Windschutz A58WS und die Shure-Halterung A55M. Beide kosten im Vergleich zum Mikrofon sehr wenig.

Was mir überhaupt nicht gefällt, ist der weiße CE-Aufkleber hinten. Bei anderen Mikrofonen ist das Zeichen eingraviert, grau auf mattem Schwarz, und fällt kaum auf. Diesen weißen Aufkleber kann man zwar abreißen, er stört aber.

Griffgeräusche, Körperschall und Richtwirkung

Bei meinen Tests habe ich aus etwa 4 bis 7 cm gesprochen, das Mikrofon stand direkt seitlich vor meinem Mund. Nehme ich es aus der Halterung und halte es in der Hand, hört man Griffgeräusche, sie sind aber sehr flach. Die tiefen Geräusche werden nicht so stark übertragen. Wenn du nicht ständig umgreifst und darauf achtest, dass das Kabel am Anschluss keine Erschütterungen abbekommt, funktioniert das wirklich sehr gut. Im Vergleich zum SM58 habe ich auf dem Kopfhörer gehört, dass dort die Handgeräusche etwas tiefer übertragen werden.

Klopfe ich hinten auf den Anschluss oder auf den Fuß des Tischstativs, höre ich davon wirklich nicht mehr viel. Ist dir das noch zu viel, kannst du eine schwingend gelagerte Halterung wie die Shure A55M nutzen. Damit bekommst du auch weitere Geräusche ziemlich gut heraus.

Beim Drehtest wird es zur Seite hin schnell leiser. Die Verfärbung der Stimme hält sich dabei aber in Grenzen. Diese Off-Axis-Neutralität ist bei diesem Mikrofon verhältnismäßig gut. Am natürlichsten klingt es für mich aus etwa 8 cm. Ich habe außerdem 3, 30, 50 cm und einen Meter ausprobiert.

Plosivlaute und Windschutz

Wie viel kommt durch die vier Gitterlagen durch? Spreche ich direkt von vorn hinein, sind die Poppgeräusche noch relativ laut zu hören, auch aus etwa 5 cm. Aus etwa 15 cm versucht der Korb die Luft zu zerstreuen, aber wenn bei einem P-Laut ein ganzer Luftschwall kommt, wird das immer noch relativ stark aufgezeichnet. Bei leichten Windgeräuschen funktioniert der integrierte Popfilter dagegen ziemlich gut.

Dafür gibt es zwei gute Lösungen. Die erste: Du sprichst im 45-Grad-Winkel am Mikrofon vorbei. Dann hast du gleichzeitig den Nahbesprechungseffekt, die Plosivlaute landen aber nicht im Mikrofon. Die zweite: Der legendäre Shure-Windschutz A58WS passt ziemlich gut auf das Neumann. Ganz aus der Nähe sind die Plopp-Geräusche zwar immer noch zu hören, aus etwa 12 bis 13 cm werden sie aber schon ganz gut weggenommen. Der Schaumstoff nimmt allerdings auch ein wenig Höhen weg.

Das kennt man auch von anderen Mikrofonen. Mit einem hochwertigen Popfilter davor hört man das beim direkten Besprechen nicht mehr so stark.

Frequenzgang und Klang

Die Tonspur aus dem F6 ist unbearbeitet, ich habe nur einen Limiter verwendet und die Lautstärke angeglichen. Den Klang finde ich grundsätzlich sehr transparent und real. Die Tiefen sind nicht zu stark, gerade wenn ich etwas weiter weg bin. Die Höhen sind da, aber nicht anstrengend, sondern relativ sanft. Dass weder Tiefen noch Höhen aggressiv sind, gefällt mir persönlich ziemlich gut. Wenn du allerdings eine relativ hohe Stimme hast und die Tiefen stärker übertragen willst, ist es vielleicht nicht das beste Mikrofon.

Im Frequenzgang erkennst du das wieder. Grundsätzlich verläuft er relativ neutral. Im Freifeld, also ohne Einfluss des Raums, gibt es ab etwa 200 Hz abwärts einen Bass-Roll-off. Das ist eine der Ursachen, warum das Mikrofon weder die Tiefen noch die Griffgeräusche zu stark aufnimmt. Aus der Nähe, bei etwa 5 cm, hebt der Nahbesprechungseffekt die Tiefen direkt an. Nach oben hin beginnt bei etwa 7.000 Hz eine Höhenanhebung mit einem Peak um 13.000 Hz, danach rollen die Höhen bis 20.000 Hz wieder ab. Insgesamt würde ich ihn als eher neutral beschreiben, mit einer kleinen Höhenanhebung und einem klaren Bass-Roll-off.

Sehr vielseitig ist das Mikrofon außerdem: für Stimmen, Gesang, Podcasts, Streams und auch Instrumente.

Im Vergleich mit M2, SM58, SM7B und MKH 8050

Ein spannender Vergleich war das MKH 8050, das bei mir als Boom-Mikrofon außerhalb des Bildes über dem Kopf hängt. Ich habe das KMS 105 direkt daneben gehalten, beide Kapseln hatten dann etwa 30 bis 35 cm Abstand zu meinem Mund. Das Sennheiser ist ein Kleinmembran-Kondensatormikrofon, ebenfalls mit XLR und 48 Volt, und kostet deutlich mehr. Technisch sind sich die Kapseln aber gar nicht so unähnlich.

Das Røde M2 ist ebenfalls ein Kondensatormikrofon mit Superniere, kostet aber nur einen Bruchteil. Das Shure SM58 ist die zweite Bühnenlegende in diesem Vergleich, ein dynamisches Mikrofon in einer ähnlich günstigen Preisklasse. Phantomspeisung braucht es nicht, dafür musste ich den Gain etwas weiter aufdrehen. Das SM58 überträgt die tieferen Töne stärker, beim Handling aber eben auch.

Das Shure SM7B habe ich als Referenz dazugenommen, weil es so häufig für Podcasts und auf YouTube verwendet wird und das KMS 105 auch von manchen als Podcast-Mikrofon genutzt wird. Auch beim SM7B habe ich kurz in Peter Paula hineingepustet, und auch da wird es plötzlich laut. Plosivlaute sind also kein reines Neumann-Thema. Alle Mikrofone kannst du im Video direkt hintereinander hören und selbst entscheiden, was dir besser gefällt.

Verarbeitung

Robust, einfach und sehr wertig, mit edlem seidenmattem Schwarz. Der weiße CE-Aufkleber stört.

Bedienung

Sehr geringe Griffgeräusche, unempfindlich gegenüber Körperschall und gut off-axis. Direkte Plosivlaute kommen noch durch.

Klang

Transparent, real und nie aggressiv. Eher neutral mit leichter Höhenanhebung. Wer kräftige Tiefen sucht, wird hier weniger glücklich.

Ausstattung

Neoprentasche und Klemme mit Gewindeadapter. Mehr braucht es kaum, Windschutz und Spinne kosten extra.

Vielseitigkeit

Für Gesang, Stimme, Podcast, Stream und Instrumente geeignet, in der Hand wie am Stativ.

Preis-Leistung

Teuer, aber angemessen. Neumann-Mikrofone haben zudem einen hohen Wiederverkaufswert.

Das Neumann KMS 105 ist ein Referenz-Gesangsmikrofon mit sehr natürlichem, transparentem Klang, das weder in den Tiefen noch in den Höhen anstrengend wird. Griffgeräusche und Körperschall überträgt es erstaunlich wenig, und die Superniere blendet seitliche Störgeräusche gut aus. Plosivlaute von direkt vorn kommen trotz vierlagigem Korb noch durch, leicht seitliches Besprechen oder ein Windschutz lösen das aber. Der Preis ist hoch, ich finde ihn aber angemessen, zumal das Mikrofon eine echte Investition mit hohem Wiederverkaufswert ist. Günstigere Mikrofone gibt es natürlich auch.

du ein hochwertiges Gesangsmikrofon für Bühne und Studio suchst

du einen transparenten, natürlichen Klang ohne aggressive Höhen willst

du das Mikrofon in der Hand hältst und wenig Griffgeräusche brauchst

du einmal in ein langlebiges Mikrofon investieren möchtest

dein Budget deutlich kleiner ist und du ein unverwüstliches dynamisches Bühnenmikrofon willst

du vor allem Podcasts sprichst und einen warmen Broadcast-Klang mit kräftigen Tiefen suchst

Die dynamische Bühnenlegende zu einem Bruchteil des Preises, ohne Phantomspeisung. Sie überträgt mehr Tiefen, aber auch mehr Griffgeräusche, und braucht mehr Gain.

Dynamisches Broadcast-Mikrofon, das ich als Podcast-Referenz im Vergleich dabei hatte. Es klingt wärmer, ist aber für Stativ oder Arm gedacht und nicht für die Hand.

Kleinmembran-Kondensatormikrofon mit Superniere, technisch gar nicht so unähnlich, aber noch teurer. Es ist ideal als Boom außerhalb des Bildes und sehr empfindlich gegenüber Wind und Körperschall.

Braucht das KMS 105 Phantomspeisung?

Ja, als Kondensatormikrofon braucht es 48 Volt über XLR.

Was ist der Unterschied zum KMS 104?

Das KMS 104 hat eine Niere, das KMS 105 eine Superniere. Die silberne Version des 105 ist baugleich.

Wie gut ist der eingebaute Popschutz?

Bei leichten Windgeräuschen gut. Direkte P-Laute von vorn kommen noch durch. Sprich leicht seitlich vorbei oder setze einen Windschutz wie den Shure A58WS auf.

Taugt es auch als Podcast-Mikrofon?

Ja, es ist sehr vielseitig für Stimme, Podcast und Streams. Am natürlichsten klingt es für mich aus etwa 8 cm.

Wie stark ist das Eigenrauschen?

18 dB(A). Das ist eher mittelmäßig, spielt bei einem Bühnenmikrofon für nahe Quellen aber kaum eine Rolle.

Was ist im Lieferumfang?

Eine Neoprentasche und eine Mikrofonhalterung mit Gewindeadapter.