Was darf man fotografieren und was nicht?

Block A - Concentration Camp Buchenwald

Zunächst möchte ich das Thema dieses Artikels ein wenig eingrenzen. Ich möchte mich heute nicht mit den rechtlichen Themen der Fotografie beschäftigen, sondern vielmehr auf ethische und moralische Aspekte eingehen. Was darf ich fotografieren und was nicht? Wo setze ich meine persönlichen Grenzen und darf ich die Grenzen anderer Fotografen einschränken? Jeder der viel fotografiert ist mit Sicherheit schon mal an dem Punkt angelangt, dass er sich selbst fragen musste, ob er nun ein Foto machen sollte oder nicht. Ich bin diesbezüglich tendenziell etwas zögerlich und wie ich von anderen erfahren habe, geht es mir da nicht alleine so. Was hält uns also nun davon ab von gewissen Szenen Fotos zu machen?

Was mich dazu gebracht hat über dieses Thema zu schreiben

Es ist nun schon ein paar Jahre her, als ich in Weimar war und mir die Stadt angeschaut habe. Das ehemalige KZ Buchenwald ist ein unglaublicher Kontrast zu dieser ansonsten sehr schönen Gegend. Als ich an einem sonnigen Tag im März 2010 durch den Wald in Richtung der Gedenkstätte Buchenwald fuhr, kam es mir vor, als könne es dort gar nicht so schlimm (Sarkasmus) gewesen sein, in dieser so schönen Natur. So schlimm (Sarkasmus) sah selbst der Eingangsbereich nicht aus. Klar gab es einen Zaun mit Stacheldraht und ein paar Zellen im Eingangsgebäude. Von den achso schrecklichen Baracken sind nur noch Fundamente übrig. Die Russen haben in der Nachkriegszeit noch einige Gebäude weiter genutzt, sodass diese originalen Schauplätze Ausstellungen beinhalten. Ein Häuschen mit einem gefliesten Tisch und nebenan ein Gebäude mit Ofen, der denen einer Bäckerei oder eines Pizzabäckers etwas ähnelt (Sarkasmus). Alles nicht so schlimm, möchte man meinen. (Sarkasmus)

Natürlich sind überall schriftliche Dokumente angebracht, die bestätigen sollen, welch ein grauen dort geherrscht haben soll (Sarkasmus). Alles war schrecklich und unmenschlich, so die Briefe. An dem Tag, an dem ich dort war, konnte anhand der genannten Unterlagen zwar wahrnehmen, was an diesem Ort passiert sein soll, verstanden habe ich es dadurch aber nicht.

Als ich vor diesen besagten Öfen stand, in den angeblich (Sarkasmus) Leichen verbrannt worden sind, haderte ich mit mir selbst, ob ich davon – von diesem unglaublich unmenschlichen Ort – wirklich ein Foto wagen sollte. Kurz um, ich tat es. Ich machte 4 Aufnahmen in kurzer Zeit mit einem eher dokumentarischen Charakter.

Bei meinem letzten Bild hat mich eine Schülerin eines Klassenausfluges gesehen, etwa 10. Klasse vermute ich. Sie meinte, dass es dreist und unglaublich verachtend sei, wie ich von einem solchen Ort ein Foto machen könnte. Sie brachte mich menschlich in Verlegenheit und nahm dabei eine belehrende „Besserwisserrolle“ ein, sodass alle anderen, die auch nur einen hauch Menschlichkeit in sich hätten, ihr hätten zustimmen müssen. Deswegen ließ ich die Schülerin an mir vorbei gehen und versuchte sie zu ignorieren. Das ist das Beste, dachte ich. Genau so würde ich es auch heute wieder machen.

Was ich natürlich nicht erwähnt habe, aus sarkastischen Gründen, dass die halbe Gedenkstätte und jeder Ausstellungsraum natürlich mit Bildern – mit Fotografien die irgendwann mal ein Fotograf gemacht hat – zugepflastert ist. Das Grauen in 10 x 15 oder größer. Ohne diese Bilder erscheint der Schrecken dieses Ort des Grauens weniger als halb so schlimm. Etwas schlimmes zu lesen oder es zu sehen, ist ein unglaublicher Unterschied. Erst die Bilder von Leichenbergen vor dem Krematorium oder in den verwahrlosten Baracken – die es ja nicht mehr gibt – lassen das Leid wirklich spüren. Noch näher rückt man der Szene, wenn man direkt an den Orten ist, wo man zugleich die Fotos von damals sehen kann. Nun habe ich verstanden, was an diesem Ort passiert ist.

Nun, etwa 5 Meter vor dem Krematorium, wo mich die Schülerin belehrt hat, hing ein Foto an der Wand. Auf diesem waren unzählige ausgehungerte leblose Körper zu sehen. Eines der Bilder, die so schrecklich sind, dass man kaum glauben kann, was dort passiert ist. Aber man sieht es direkt vor sich, auf einem Foto, was ein Fotograf vor etwa 70 Jahren gemacht haben muss. Nun stellt sich die Frage, ob die Schülerin, die sich dieses Foto offensichtlich angeschaut haben musste, auch empört darüber war, dass ein Fotograf an diesem Ort vor 70 Jahren stand und von diesem Berg der armen toten Menschen eine Aufnahme machte. Wie konnte diese Fotograf nur in dieser Situation abdrücken und dieses Grauen auch noch dokumentieren?

Ihr merkt worauf ich hinaus will. An diesem Tag war nicht ich der schreckliche grausame Fotograf, der aus dem Leid der Vergangenheit „eine tolle Aufnahme“ machen wollte. Vielmehr war es die unmündige Schülerin, die noch viel zu lernen hat. Wenn jemand von uns an diesem Tag etwas schreckliches gemacht hat, war sie es. Sie versuchte meine Freiheit auf pseudomoralischer Art einzuschränken, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, dass jedes noch so grausame Foto mal von einem Fotografen erstellt worden ist, der scheinbar unberührt die Szene auf Film festhielt. Wie man es auch dreht und wendet, die Schülerin war mit ihrer Ansicht und ihrer Moral mehr bei den Nazis als bei den Befreiern des KZ.

Generation RTL

Ich finde es sehr traurig, dass gerade wir Deutschen eine Sensationslust haben auch Menschen die anders sind, als es die Gesellschaft vorschreibt, herumzureiten. Genau dieses Verhalten war das Fundament des dritten Reiches. Madenfressende alte arme Menschen schaut man sich gerne im Fernsehen an, aber Kinder die es bei einem Verkehrsunfall grausam getroffen hat, passt nicht in unser Weltbild. Dafür sind wir gegen eine generelle Höchstgeschwindigkeit. Arme mittellose alleinstehende Frauen und ihre Töchter werden am Nachmittag im Fernsehen öffentlich denunziert, aber die toten Familien in Syrien oder zerstückelt Leichen in Kenia bekommt man bei uns im Fernsehen nur selten zu sehen.

Meiner Meinung nach, können unsere Medien, insbesondere die des bewegten Bildes, kaum noch tiefer sinken. Ausnahmen gibt es glücklicherweise noch einige. Für den Bundestag akkreditierte Fotografen haben sich an Vorgaben zu halten. Wenn ein Fotograf mal etwas von der Politik ungewolltes fotografiert, wird schnell sein Chef oder der Abnehmer darüber informiert. Pressefreiheit gibt es in Deutschland teilweise nur noch auf dem Papier. Tschechien und Costa Rica lassen grüßen.

Aber wenn man selbst oder die eigenen Kinder in Zeitungen oder in den Nachrichten Bilder von Leichen und dem wahren Leid sehen, ist dies unverantwortlich. Als ich noch jung war, gab es jeden zweiten Tag in der Tagesschau noch tote Menschen zu sehen. War das Sensationslust und unmoralisch? Gibt es heute einfach weniger Leid als vor 20 Jahren?

Wahrnehmungsverzerrung

Jeder Fotograf soll und muss für sich entscheiden, was er fotografiert und was nicht. Man sollte hier auch niemandem Vorschriften machen. Ob und wo ein Bild veröffentlicht wird, ist ein anderes Kapitel. In Deutschland werden leider Fotografen immer häufiger denunziert, die von grausamen Szenen Bilder machen. In anderen Ländern sind Bildreporter willkommen, insbesondere dann, wenn es grausame Szenen zu sehen gibt. Wurden Menschen hingerichtet, so ist es für die Angehörigen oft ein kleiner Trost, wenn Medien über die Verfahren und Opfer berichten. Gerne lassen Angehörige den Toten fotografieren. In Russland freuen sich politisch Verfolgte, wenn in der Presse über sie berichtet wird.

Ich für meinen Teil habe nunmehr kaum Hemmungen von diversen Szenen Fotos zu machen. Pure Sensationslust und für andere peinliche Aufnahmen sind für mich natürlich Ausnahmen. Also ungefähr die Themen, die 50 % des Inhalts der privaten Mainstream-Medien ausmachen, sind für mich tabu. Sobald eine Aufnahme – so grausam sie auch im ersten Augenblick erscheinen mag – einen dokumentarischen und Aufklärenden Zweck verfolgt, setze ich mir zumindest keine Grenzen mehr. Außerdem kann ich im Nachhinein immer noch Bilder löschen oder für mich behalten, was ich auch häufig mache.

Die Aufnahmen der Verbrennungsöfen in Buchenwald schlummern übrigens noch immer unveröffentlicht auf meiner Festplatte und haben bislang kein großes Leid verursacht. Manchmal stelle ich mir aber schon die Frage, ob sich die Schülerin aus der Gedenkstätte auch nur Ansatz so viele Gedanke über die Situation gemacht hat, wie ich. Seitdem respektiere ich jedoch die Arbeit von Kriegsfotografen und regionalen Zeitungsreportern, die sich mit Verkehrsunfällen beschäftigen müssen, umso mehr.

Wie denkst du über die ethischen Grundsätze des Fotografen? Kannst du meine Ansicht teilen oder siehst du es komplett anders?

Hinweis:
Ich habe einige Hinweise dazu bekommen, dass ich wohl das Wort „angeblich“ nicht verwenden dürfte. Das es sarkastisch gemeint ist, scheint wohl nicht angekommen zu sein. Daher habe ich das Wort „Sarkasmus“ an einigen Stellen explizit hinzugefügt. Und für die, die es noch immer nicht begriffen haben, was denn eigentlich Sarkasmus ist, den möchte ich gerne zu Wikipedia weiterleiten. Nun sollte auch dem „Dümmsten“ klar sein, dass ich das Wort bewusst ironisch eingesetzt habe um darauf aufmerksam zu machen, dass das damalige Leid, was man selbstverständlich nie leugnen oder runterspielen sollte, erst dann zu einer wahrnehmbaren bedrückenden Tatsache für mich wird, wenn ich Bilder von den Geschehnissen sehe. Natürlich belegen die Briefe und Zeugenaussagen lückenlos alle Vorfälle, die man natürlich nicht bestreiten kann. Mich berühren die Ereignisse aber erst so richtig, wenn ich sie auf Bildern sehen kann. Das hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, dass ich auch nur im Ansatz den Sachverhalt herunterspielen will oder gar etwas leugne. Wer es so verstanden hat, der tut mir leid 😉

Was mich aber noch mehr beängstigt hat, das die „Generation RTL“ offensichtlich sogar meinen Blog liest. In Zukunft muss ich wohl Ironie kennzeichnen und muss mich den Gegebenheiten eines „Mainstream-Mediums“ anpassen. Schade eigentlich 😉

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14 Gedanken zu „Was darf man fotografieren und was nicht?

      • So wie der Satz dort steht, klingt es so, als würdest du meinen, dass es nicht so war.

        Gleiches gilt für “ welch ein grauen dort geherrscht haben soll“ .

        Ich würde den Text nochmal überarbeiten .

        • Der Einzige der angedeutet hat, dass es nicht so war, bist du 😉

          Was Sarkasmus ist, weißt du aber, ja? Und was ich mit diesem Artikel Aussagen will, ist dir auch klar, ja?

  1. Danke für den tollen Bericht. Er hat mich echt zum Nachdenken gebracht. Übrigens RTL…. schaue auch ich schon lang nicht mehr.
    Noch was zu Deinem Blog. Ich habe selten eine so einfache aber auch ansprechende Seite gesehen, auf der die Texte so schön zu lesen und die Fotos so schön anzuschauen sind. (Ich meine das nicht nur rein Optisch)

    Grüße Robert

  2. …ich schließe mich der Meinung an, dass es nicht ein Problem ist, ein Bild zu machen, sondern nur, wozu es verwendet wird.
    Will ich aufklären oder bloßstellen, verletze ich Intimssphären, gibt es einen wirtschaftlichen Schaden….usw.

    Einfühlungsvermögen hat nichts damit zu tun, ob ich ne Kamera dabei habe….

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